Dem bekundeten Willen müssen jetzt Taten folgen

Krieg in Europa, Energiekrise, rekordhohe Marktpreise, Risiko Strommangellage: Verbandsdirektor Michael Frank blickt auf ein in vielerlei Hinsicht beispielloses Jahr zurück. Es sei jetzt an der Zeit, die Pflöcke für eine nachhaltige Energiezukunft, Versorgungssicherheit und Klimaneutralität einzuschlagen.
28.12.2022

VSE Roadmap zur Versorgungssicherheit   Energiezukunft 2050

In Europa herrscht Krieg. Was über Jahrzehnte nicht für möglich gehalten worden ist, ähnlich wie eine Pandemie, ist heute traurige Gewissheit. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine katapultierte Europa in eine Energiekrise, akzentuierte die bereits zuvor angespannte Preissituation an den europäischen Energiemärkten zusätzlich und legte die Versäumnisse der vergangenen Jahre schonungslos offen. Die rekordhohen Marktpreise begleiteten uns über das gesamte Jahr: Deswegen wurde der Rettungsschirm zur Stützung systemrelevanter Energieunternehmen eingeführt; deswegen wollen Unternehmen, die jahrelang von tiefen Preisen profitiert haben, zurück in die Grundversorgung; deswegen mussten viele Energieversorger für 2023 teils happige Tariferhöhungen ankündigen. Solche Turbulenzen gab es an den Strommärkten noch nie.

Der Krieg in Europa hat auch dazu geführt, dass das Risiko einer Energie- und damit auch einer Strommangellage erstmals seit Jahrzehnten real und gross ist. Energiesicherheit ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Bund, Branche und Wirtschaft haben zahlreiche Massnahmen ergriffen, um das Risiko zu senken. In einer europaweiten Krise wie dieser gibt es aber Faktoren, die wir nicht selbst beeinflussen können. Dazu zählen das Volumen russischer Gaslieferungen nach Europa, Attacken und Cyberangriffe auf die Energieinfrastruktur, der Füllstand der inländischen Speicherseen oder die Verfügbarkeit französischer Kernkraftwerke. Es sind Faktoren, die in ungünstiger Verkettung eine Mangellage herbeiführen können – nicht nur in diesem, sondern insbesondere auch im nächsten Winter.

«Kurzfristig müssen wir das Eintreten einer Energiemangellage verhindern und uns trotzdem ernsthaft auf den Bewirtschaftungsfall vorbereiten.»

Der VSE und OSTRAL bereiten sich schon lange auf eine Strommangellage vor. Denn es ist die Branche, die die vom Bundesrat beschlossenen Massnahmen im Falle einer Strommangellage umsetzen müsste. Bereits im Herbst 2021 informierte OSTRAL alle Grossverbraucher – über 30‘000 Unternehmen – über die verschiedenen Massnahmen, die im Ernstfall vorgesehen sind. Die Sensibilisierungs- und Vorbereitungsarbeiten innerhalb der Branche, aber auch mit den Kantonen, Wirtschaftsverbänden und Krisenstäben wurden 2022 stark intensiviert. Der VSE und OSTRAL setzen alles daran, für den Krisenfall bereit zu sein.

Wir alle, Wirtschaft und Bevölkerung, können als Verbraucherinnen und Verbraucher dazu beitragen, dass Risiko einer Strommangellage diesen Winter zu reduzieren, indem wir unseren Energiekonsum senken. Jede Kilowattstunde, die wir einsparen, zählt. Indem wir Strom sparen, schonen wir die inländischen Speicherseen und die europäischen Gasspeicher. Auf diese werden wir Februar, März und April angewiesen sein. Dann sind Engpässe am wahrscheinlichsten. Wir müssen alles tun, um eine Mangellage zu verhindern.

Will man der Energiekrise etwas Positives abgewinnen, dann, dass Versorgungssicherheit endgültig ins Zentrum der politischen und öffentlichen Debatte gerückt ist und einen neuen Wert erlangt hat. Kurzfristig müssen wir das Eintreten einer Energiemangellage verhindern und uns trotzdem ernsthaft auf den Bewirtschaftungsfall vorbereiten. Alles, was wir für diesen Winter vorbereiten, wird uns im nächsten Winter, der aus heutiger Sicht die grössere Herausforderung sein wird, zugutekommen. Mittel- und langfristig müssen wir aber dafür sorgen, dass wir die Energie- und Klimaziele erreichen und nicht mehr in eine Situation geraten, wie sie heute herrscht. Diese Weichen müssen jetzt gestellt werden.

«Der Umbau des Energiesystems ist ein Generationenprojekt, das massive Anstrengungen von Politik und Gesellschaft benötigt. Sorgen wir dafür, dass wir 2023 gemeinsam die ersten Schritte gehen.»

Die Strombranche bringt sich aktiv, sachlich und wissenschaftlich fundiert in die Diskussionen ein. Den Beweis hat sie 2022 mehrfach erbracht. Zunächst mit der VSE Roadmap zur Versorgungssicherheit. Diese skizziert mit über 40 Massnahmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, wie Versorgungssicherheit in einem erneuerbaren, nachhaltigen Energiesystem funktionieren kann. Und zuletzt mit der im Dezember vorgestellten Studie «Energiezukunft 2050» – dem Branchenprojekt in enger Zusammenarbeit mit der Empa. Die «Energiezukunft 2050» zeigt verschiedene Szenarien, wie die Energieversorgung der Schweiz bis 2050 aussehen könnte. Fazit: Ohne massiv beschleunigten Zubau, massive Steigerung der Effizienz, fokussierten Um- und Ausbau der Netze sowie einem engen Energieaustausch mit Europa erreicht die Schweiz ihre Energie- und Klimaziele nicht.

Der Umbau des Energiesystems ist ein Generationenprojekt, das massive Anstrengungen von Politik und Gesellschaft benötigt. Sorgen wir dafür, dass wir 2023 gemeinsam die ersten Schritte gehen und die fundamentalen Entscheide fällen, die für eine nachhaltige Energiezukunft, Versorgungssicherheit und Klimaneutralität bis 2050 zwingend nötig sind. Dem bekundeten Willen müssen jetzt Taten folgen.

Michael Frank

Michael Frank ist seit 2011 Direktor des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE). Er ist Fürsprecher und verfügt über eine breite berufliche Erfahrung in der Elektrizitätswirtschaft und in sich liberalisierenden Märkten.