Entspannung ist keine Entwarnung

Gemäss einer Untersuchung des Bundes ist die Stromversorgung diesen Winter nicht gravierend gefährdet. Wohlgemerkt, zwar nicht gravierend gefährdet, aber doch immerhin gefährdet. Wortklauberei?
17.11.2022

Eine Studie des Bundes zeigt anhand von Wahrscheinlichkeitsrechnungen, wann im Winter ein Energiemangel möglich wäre. Dabei berücksichtigt sie verschiedene Szenarien, etwa eine Gasknappheit oder den Ausfall französischer Atomkraftwerke. Das Fazit: Die Stromversorgung sei diesen Winter nicht gravierend gefährdet. Ein Versorgungsproblem gebe es mit grösster Wahrscheinlichkeit unter verschiedenen Voraussetzungen nicht. Und falls doch, sei die Schweiz mit den vom Bundesrat getroffenen Massnahmen gut gerüstet. Die Meldung versprüht Zuversicht, dass es diesen Winter nun doch gut kommt.

Wohlgemerkt, zwar nicht gravierend gefährdet, aber doch immerhin gefährdet. Wortklauberei? Wir dürfen uns nicht in falscher Sicherheit wähnen und müssen uns auf die Gefährdung, sprich eine Mangellage vorbereiten. Es gibt genug Gründe dafür. Erstens: Wir können durch uns unbeeinflussbare Faktoren wie Cyberangriffe auf die Energieinfrastruktur, andauernde Streiks der AKW-Mitarbeitenden in Frankreich oder ein langer eisiger Winter nicht ausschliessen, was in ungünstiger Kombination eine Mangellage auslösen kann. Zweitens: Die Preise an den Energiemärkten befinden sich noch immer auf ausserordentlich hohem Niveau – ein deutliches Knappheitssignal und Ausdruck von Unsicherheit. Drittens: Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen. Das Risiko einer Mangellage ist auch in den kommenden Wintern real und gross. Alle Vorbereitungen, die wir heute treffen, helfen uns auch in den kommenden Jahren.

Ungeachtet leichter Entspannung an den Märkten können wir für diesen Winter keine Entwarnung geben. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, besagt der Volksmund. Wir sind gut beraten, unsere Krisenvorbereitung fortzuführen und die Sparbemühungen aufrechtzuhalten. Nutzen wir den Schwung, die Solidarität und den Tatendrang der letzten Wochen und Monate, um das Bewusstsein für einen sorgsamen und effizienten Energieverbrauch nachhaltig zu etablieren und die energiepolitischen Weichen für eine sichere Energieversorgung zu stellen.

Michael Frank

Michael Frank ist seit 2011 Direktor des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE). Er ist Fürsprecher und verfügt über eine breite berufliche Erfahrung in der Elektrizitätswirtschaft und in sich liberalisierenden Märkten.