Koordiniert statt jeder für sich

Der Schweizer Energie­branche fehlt es an Netzelektrikerinnen und -elektrikern, und das schon seit Jahren. Im Herbst rufen die Verbände die Branche daher zu einem Runden Tisch zusammen, der Abhilfe schaffen soll.
08.04.2022
Es gibt zu wenig Netzelektrikerinnen und Netzelektriker in der Schweiz. Unternehmen und Verbände suchen daher nach Lösungen, wie dieser Beruf bekannt gemacht werden kann.

Der Fachkräftemangel-Index Schweiz vom vergangenen November ist eindeutig: Der Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften in der Schweiz verschärft sich im Jahresvergleich signifikant. Die Arbeitslosenquote sinkt, während die Anzahl Stellenangebote zunimmt. Laut dem Personal- und Stellenberater Jobfile haben 76 972 Unternehmen in der Schweiz vom 1. Januar bis 31. August 2021 1,154 Mio. offene Stellen ausgeschrieben.

Die Unternehmen schalteten dafür 2,25 Mio. Stellenanzeigen in verschiedensten Medien und investierten über 377 Mio. Franken. Die Ausmasse und Auswirkungen des Fachkräftemangels sind je nach Branche aber unterschiedlich gross. Während in kaufmännischen und administrativen Berufen ein Fachkräfte-Überangebot besteht, gelingt es vor allem den Bereichen Bauwesen/Handwerk sowie technische Berufe nicht, offene Stellen mit den dafür ausgebildeten Fachkräften zu besetzen.

Dass technisch versierte Fachkräfte fehlen, bekommt auch die Energiebranche schmerzlich zu spüren. Seit Jahren klafft eine grosse Lücke zwischen dem Bedarf der Unternehmen nach Netzelektrikerinnen und -elektrikern und den tatsächlich verfügbaren Fachkräften, und zwar auf allen Stufen: Lernende, Netzelektrikerinnen und -elektriker mit abgeschlossener eidgenössischer Berufsprüfung sowie Meister. Dass aus- und weitergebildete Fachkräfte fehlen, ist für die Energiebranche schon fast ein Dauerzustand. Der Mangel besteht schon seit mehreren Jahren.

«Kann das Netz wegen fehlender Fachkräfte nicht mehr ordnungsgemäss unterhalten werden, drohen Störungen und Ausfälle.»

Behoben werden konnte er bislang jedoch nicht. Im Gegenteil: Die ersten Abschlussprüfungen zur Ausbildung «Netzelektriker» fanden in der Schweiz 1979 statt. Die Absolventen von damals, quasi die Netzelektriker der ersten Stunde, werden also in absehbarer Zeit pensioniert werden. Dann fehlt nicht nur auf der einen Seite der Nachwuchs, sondern gleichzeitig verschwinden auf der anderen Seite erfahrene und routinierte Netzelektriker. Die sowieso schon angespannte Situation wird sich also zwangsläufig weiter verschärfen.

Opfer des eigenen Erfolgs?

Dass etwas gegen diese Entwicklung unternommen werden muss, ist der Branche bewusst. Schliesslich bauen und warten Netzelektrikerinnen und Netzelektriker kritische Infrastrukturen. Kann das Netz wegen fehlender Fachkräfte nicht mehr ordnungsgemäss unterhalten werden, drohen Störungen und Ausfälle. Viele Verbraucher in der Schweiz kennen solche Ereignisse nur vom Hörensagen, denn die Versorgungsqualität der Schweiz ist im internationalen Vergleich erstklassig.

Das spricht nicht nur für die Qualität der Schweizer Infrastruktur, sondern es bedeutet auch, dass die Menschen, welche diese Infrastruktur betreiben und unterhalten, einen sehr guten Job machen. Offenbar wird der Job so gut gemacht, dass die breite Öffentlichkeit gar nicht bemerkt, dass er überhaupt gemacht wird. «Das Berufsbild des Netz­elektrikers ist vielen Menschen unbekannt», sagt Patrick Frutig, Präsident des Schweizerischen Netzelektrikermeister-Verbands SNMV.

«Der Beruf der Netzelektrikerin sollte präsenter sein im Bewusstsein der Menschen», meint Patrick Frutig, Präsident des Schweizerischen Netzelektrikermeister-Verbands.

Sind Netzelektrikerinnen und -elektriker also ein Opfer des eigenen Erfolgs? «Sie sind in unseren Breitengraden sicher weniger bekannt und sichtbar als beispielsweise in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Dort genies­sen die sogenannten ‹Linemen› bei der Bevölkerung ein ähnlich hohes Ansehen wie Angehörige von Rettungsorganisationen wie der Feuerwehr.» Müssten, beispielsweise nach einem Sturm, beschädigte Masten oder heruntergerissene Leitungen wieder instandgesetzt werden, würden diese Lineman-Trupps gerufen, um die Infrastruktur zu reparieren. «Linemen geniessen fast eine Art Heldenstatus.»

Runder Tisch: Gemeinsam Lösungen finden

Ganz so pathetisch müsste es hierzulande nicht zu- und hergehen, «aber der Beruf der Netzelektrikerin sollte präsenter sein im Bewusstsein der Menschen». Ideen, wie das bewerkstelligt werden kann, sind vorhanden. So soll im Herbst dieses Jahres ein Runder Tisch zum Thema stattfinden. «Dieses Meeting hätte eigentlich schon im Frühling 2020 stattfinden sollen, doch der Lockdown und die weitere Entwicklung der Covid-Pandemie haben diese Pläne zunichtegemacht.»

Zu besagtem Runden Tisch werden Delegierte der Trägervereine des Dachverbandes Netzelektriker DVNE, Vertretungen aus der Berufsbildung, der Branchenverbände (Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen VSE, Vereinigung von Firmen für Freileitungs- und Kabelanlagen VFFK, Schweizer Netzinfrastrukturverband Sniv sowie Verband öffentlicher Verkehr VÖV) und Vertreter der grössten Unternehmen, welche Netzelektrikerinnen und -elektriker ausbilden, eingeladen. Ebenfalls eingeladen sind Vertreter aus dem Tessin sowie aus der französischsprachigen Schweiz. «Wir wollen alle am Tisch haben und diese Herausforderung breit abgestützt angehen», erklärt Patrick Frutig.

«Dass Schülerinnen und Schüler unseren Beruf kaum kennen, ist ein Teil des Problems. Mindestens gleich schwer wiegt aber der Umstand, dass der Beruf auch Eltern kaum bekannt ist.»

Das Ziel des Runden Tisches soll eine gemeinsame, von allen getragene Strategie sein, um den Beruf des Netzelektrikers bekannter zu machen und um zu zeigen, welch vielfältige Möglichkeiten diese Ausbildung bietet. «Heute haben wir eine stark föderalistisch geprägte Situation. Viele tun zwar etwas, aber es fehlt ein einheitlicher Auftritt und die Koordination.» Das sei weder effizient noch nachhaltig, denn der Beruf müsse im Zentrum stehen. «Das wird aber nur gelingen, wenn wir gemeinsam ein Vorgehen bestimmen und umsetzen.»

Mehr Support von Berufsberatungen und in der Berufsorientierung nötig

Für Raymond Zuber, Präsident der Kommission Höhere Berufsbildung Netzelektriker/in, haben es handwerklich-technische Berufe im Allgemeinen schwerer: «Viele junge Menschen suchen eher eine körperlich leichte Tätigkeit, bei der sie sich die Hände nicht dreckig machen müssen und bei der sie nicht Wind und Wetter ausgesetzt sind. Dabei hat dieser Beruf so viel zu bieten.» 

In der Tat sind die Tätigkeitsfelder von Netz­elektrikerinnen und -elektrikern mannigfaltig: vom Verlegen von Kabeln und Glasfaserleitungen über die öffentliche Beleuchtung bis hin zum Bau von Freileitungen und Transformatorenstationen. Raymond Zuber sieht auch Berufsberater und Sekundarlehrkräfte in der Pflicht: «In der Berufsberatung ebenso wie in der Berufsorientierung in den Schulen müsste dieser Beruf gleichwertig vorgestellt werden.» Das sei heute leider noch nicht der Fall. «Im Gegenteil. Ich weiss, dass die Ausbildung oft nur als Ausweich-Alternative vorgeschlagen wird, wenn die Leistungen von Schülerinnen oder Schülern nicht für eine Ausbildung zum Elektroinstallateur reichen. Das ist sehr schade und wird diesem tollen Beruf nicht gerecht.»

Der Präsident der Kommission Höhere Berufsbildung Netzelektriker/in möchte das Berufsbild aufwerten. Er sieht auch Berufsberater und Sekundarlehrkräfte in der Pflicht: «In der Berufsberatung ebenso wie in der Berufsorientierung in den Schulen müsste dieser Beruf gleichwertig vorgestellt werden.»

Grund zur Freude bereitet Raymond Zuber jedoch die überarbeitete Prüfungsordnung nach Reform HBB. «Eine Modernisierung der höheren Berufsbildung war wirklich nötig, und wir sind froh, dass wir ab 2023 mit den neu konzipierten Vorkursen für Netzfachleute beginnen können. 2024 werden dann die ersten Prüfungen nach der neuen Prüfungsordnung abgenommen.» Dadurch wird der Beruf sogar noch attraktiver.

Bisher dauerte die Ausbildung bis zur Prüfung als Netzfachfrau oder -mann zwei Jahre. Neu können Netzelektriker­innen und -elektriker diese Prüfung schon nach einem Jahr ablegen, sofern sie zu diesem Zeitpunkt über mindestens drei Jahre Berufspraxis in ihrem Tätigkeitsgebiet verfügen. «Das ist nicht nur für junge Netzelektrikerinnen und -elektriker von Vorteil, sondern für die ganze Branche. Schliesslich fehlt uns nicht nur der Nachwuchs, sondern es mangelt auch an Netzfachleuten und Meistern.»

Es braucht Überzeugungsarbeit

«Dass Schülerinnen und Schüler unseren Beruf kaum kennen, ist ein Teil des Problems. Mindestens gleich schwer wiegt aber der Umstand, dass der Beruf auch Eltern kaum bekannt ist», sagt Manuel Iseli, Präsident des Vereins Netz­elektriker-Forum. «Die Eltern spielen bei der Berufswahl ihrer Kinder eine zentrale Rolle. Das heisst, wir müssen sowohl die Jugendlichen als auch deren Eltern abholen.» Auch Manuel Iseli stellt ein wenig koordiniertes Vorgehen beim Berufs-Marketing für den Beruf fest: «Wir waren als ehrenamtlicher Verein an der Berufsmesse in Zürich, und das war gut so. Wären wir nicht dort gewesen, wäre der Netzelek­triker-Beruf schlicht nicht präsent gewesen.» 

Manuel Iseli ist Präsident des Vereins Netz­elektriker-Forum.

Manuel Iseli setzt deshalb ebenfalls grosse Hoffnungen in den Runden Tisch im Herbst: «Die Verteilnetze sind ein wichtiger Bestandteil der Energiestrategie 2050.» Um die Netze zu unterhalten und auszubauen, braucht es Netzelektrikerinnen und -elektriker. Deshalb müssen wir jetzt etwas tun, und zwar gemeinsam. Ein Vorbild könnten die Schreiner sein. Jeder kennt das ‹Ihr Schreiner, der Macher›-Logo, weil es von der ganzen Branche getragen wird.» Dass eine grossangelegte und nachhaltige Marketing-Offensive nicht gratis zu haben ist, ist Manuel Iseli bewusst, aber: «Unsere Branche ist in der Lage, genügend finanzielle Mittel dafür aufzubringen. Daran sollte es wirklich nicht scheitern.» Wichtiger sei, dass die Branche miteinander spreche und ein koordiniertes Vorgehen beschliesse. «Das erfordert ein gewisses Mass an Solidarität. Wenn die Branche aber an einem Strick zieht, schaffen wir das.»